Bardinale 2002
 
 

Sibila Petlevski


LEBENSWEG

Zungenflechtend, schwankend und in Ohnmacht
fallend, verstand ich es, kleine Wundmale
ausstellungsmäßig herzuzeigen, in die Rundebittend;
"Nicht berühren", wiewohl niemand Anstalten machte,

zu berühren, hinzuschauen, gar nicht wusste,
Galgen zu merken, von ihnen herabhängende tote Lettern
als Vordach; stürmen, Regengüssen,
dem Hohn, der Willkür und der Vogellaune ausgesetzt.

Schwarze Raben fütterten mich an die ganze
vierzig Tage, schwarze Raben fütterten mich,
so wähl ich einen anderen Weg und Beruf.

Selbst mein genussgeübter Mund ist imstande
sich noch nach Fleischgenuß zu sehnen. Bin nicht mehr
jene, welche Bücher vor der Mahlzeit liest, vom Rande.

Verdeutscht von Ivo Runtic
Copyright bei der Autorin



Biografisches

Sibila Petlevski ist die kroatische P.E.N. Präsidentin und eine über die Grenzen ihres Herkunftslandes hinaus bekannte Dichterin, Erzählerin, Dramatikerin, Literaturkritikerin, Übersetzerin und Herausgeberin. Sie lehrt als Professorin an der Akademie für dramatische Künste in Zagreb. Ihre Texte verfaßt sie schon seit Jahren zweisprachig (kroatisch/englisch), ihr Werk wurde in etliche europäische Sprachen übersetzt. Unter anderem trug sie mit ihrem lyrischen Band Hundert alexandrinische Epigramme, für den sie 1993 den wichtigsten Literaturpreis Kroatiens erhielt, mit dazu bei, die kroatische Literatur aus dem erzwungenen Kellerdasein während des Krieges und aus ihrer daraus folgenden Provinzialität zu heben. Als Mitglied des internationalen P.E.N. führt ihr Weg zu vielen internationalen Lyrikfestivals, endlich auch zur BARDINALE.

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